Forst steht vor großen Herausforderungen – Forsteinrichtung verabschiedet

Gemeinderat verabschiedete Forsteinrichtung – gravierende Dürreschäden

Gegenwart und Zukunft des Walldorfer Stadtwalds waren Themen des Gemeinderats in seiner letzten Sitzung im alten Jahr am 18. Dezember.

Richtungsweisende Informationen zum Bewirtschaftungs- und Betriebsplan gab zunächst Revierleiter Forstamtsrat Gunter Glasbrenner für das Forstwirtschaftsjahr 2019. 2019 ist bereits das erste Jahr der Forsteinrichtung für die kommenden zehn Jahre, auf die anschließend Forstdirektor Sebastian Eick, Leiter des Forstbezirks Rheintal, einging.

Negative Entwicklungen

Es wurde deutlich, dass sich alle geplanten Maßnahmen an der „negativen Entwicklung des Gesundheitszustandes des Walds in der Oberrheinebene“ orientieren. „Der Zustand der Walldorfer Wälder hat sich weiter verschlechtert, der Absterbeprozess der Kiefernbestände hat sich beschleunigt“, berichtete Gunter Glasbrenner. Dies sei deutlich an den Dürreschäden der Kiefern ablesbar, so Glasbrenner, der neben dem generellen Klimawandel den extrem heißen und trockenen Sommer 2018 als wesentliche Ursache für den schlechten Vitalitätszustand des Stadtwalds nannte. Die Holzernte in diesem Jahr werde sich daher, so Glasbrenner, fast ausschließlich auf Hiebe von abgestorbenen und stark beschädigten Bäumen konzentrieren, was insgesamt zu einem erhöhten Hiebsatz führen könne. Nur wenn der Forst hier flexibel handeln könne mit Harvestereinsätzen, könnte dieses Holz noch Erlöse bringen. Auch 2018 stellte sich die Situation schon so dar, denn es wurden laut Bericht des Forstes „ausschließlich bereits dürre sowie kranke und absterbende Bäume geerntet“.  Die dramatischen Waldschäden machten und machen erhebliche Verkehrssicherungsmaßnahmen notwendig mit hohen Kosten. Laut Bericht wurde daher für das Forstwirtschaftsjahr 2018 das geplante Defizit überschritten. Für 2019 rechnet das Forstrevier mit einem Defizit von 106.000 Euro.

Für den Verkauf von Brennholz aus dem Stadtwald kündigte Glasbrenner Änderungen an. Der Bedarf an Brennholz habe eklatant zugenommen, erklärte er. Im Oktober und November 2018 hätten Walldorfer Interessenten einen Bedarf von rund 350 Festmetern Brennholz angemeldet. Man dürfe den Stadtwald jedoch nicht „ausplündern“. Der Erhalt eines Mischwaldes, wo immer möglich, habe oberste Priorität. Listen mit Bestellungen für mehrere Haushalte, die ein Antragsteller mitbringe, könnten nicht mehr akzeptiert werden.

Schützen, pflegen  und erhalten

Von der Ersatzaufforstung im Gewann Schlangenwedel als ökologischem Ausgleich für den Bau eines neuen Sportplatzes berichtete Glasbrenner, dass hier etwa tausend Pflanzen nachgebessert werden müssten. Neben Esskastanien und Roteichen würden auch  Spitzahorne gepflanzt. Gleichzeitig werde die etwa zwei Hektar große Fläche durch seltene und gefährdete Baum- und Straucharten wie Speierling, Wildbirne, Elsbeere, Pfaffenhütchen, Weiß- und Schlehdorn aufgewertet. Diese Aufwertung wurde im Zuge des Ausgleichs für den Bau des neuen Kinderhauses im Gewann Hof notwendig. Sie sei zwar sehr teuer, aber extrem sinnvoll, so Glasbrenner. Erhebliche finanzielle Mittel des Forstes kommen dem Bereich Ökologie und Naturschutz zugute. Dazu gehören die Waldweide, auf der zurzeit vier Esel grasen. Den Weißmooskiefernwald erhalten die Forstwirte und bekämpfen dabei weiterhin die unerwünschten Neophythen wie Kermesbeere und spätblühende Traubenkirsche. Die wertvollen Sandlebensräume im Reilinger Eck und auf dem Maulbeerbuckel bedürfen intensiver Pflege, wobei der  Maulbeerbuckel ab September 2019 vom Naturschutzbund in die alleinige Verantwortung der Stadt übergeht.
In der Waldpädagogik wird sich der Forst nach wie vor stark engagieren. Großes Lob zollte der Revierförster der inzwischen „staatlich zertifizierten Waldpädagogin“ Sabrina Ehnert sowie seinen drei jungen Forstwirten, die es geschafft hätten, für das Forstwirtschaftsjahr 2017 das beste Ergebnis seit 26 Jahren zu erzielen. Sie konnten durch ihren „hohen Einsatzwillen“, so Glasbrenner, den städtischen Zuschuss von geplanten 97.000 Euro auf 45.000 Euro reduzieren.

Klimastabilen Wald aufbauen

Dass auf den Revierförster und sein Team in den vor ihnen liegenden zehn Jahren viel Arbeit zukommen wird, wurde anhand der Forsteinrichtungserneuerung für die Jahre 2019 bis 2028 deutlich, auf die Forstdirektor Sebastian Eick einging. Dieser Betriebsplan wurde vom Forstrevier Walldorf in Zusammenarbeit mit der Forstdirektion am Regierungspräsidium Freiburg, dem Kreisforstamt des Rhein-Neckar-Kreises und dem Forstbezirk Rheintal/Bergstraße erstellt. Grundlage für die Planung waren die Ziele der Stadt als Waldeigentümerin, die die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen des Stadtwalds aufeinander abgestimmt und gesichert wissen will. Eick hob hervor, dass der Waldnaturschutz in Walldorf einen „außerordentlich hohen Stellenwert“ habe, was sich die Stadt auch einiges kosten lasse. Der Walldorfer Wald stehe unter besonderem Schutz als Teil des Waldschutzgebiets Schwetzinger Hardt oder als Landschaftsschutzgebiet. Was den Walldorferinnen und Walldorfern in ihrem Wald wichtig ist, erfuhren Forst und Stadt beim Bürgerworkshop zu diesem Thema im Mai 2018. Wie Sebastian Eick berichtete, wurden die Eigentümerzielsetzung und die Ergebnisse des Workshops in die Forsteinrichtung für die nächsten zehn Jahre aufgenommen.

Unterschiedliche Zielsetzungen gelten für die drei Walldorfer Walddistrikte Hochholz, Reilinger Eck und Dannhecker Wald. Während im Hochholz mit dem Waldklassenzimmer die Waldpädagogik ihren Schwerpunkt hat und mit vier Waldrefugien hier auch der Schwerpunkt des Alt- und Totholzkonzepts liegt, stehen im Schonwald Reilinger Eck die Verjüngung der Kiefern, die Waldweide und die Erhaltung des Winterlieb- und Wintergrünvorkommens im Vordergrund. Im Dannhecker Wald ist die Sanddüne Maulbeerbuckel als Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten das herausragende Projekt.

Sebastian Eick hob hervor, dass insgesamt ein klimastabiler Wald aufgebaut werden soll, da die Kiefer an ihrem „physiologischen Ende“ angekommen sei. Der Eichenanteil solle daher erhöht werden. Auch die Buche soll dazu beitragen, die Verjüngungsziele im Wald zu erreichen. Den Rückgang von Nadelholz will man aufhalten. Auf insgesamt 32,4 Hektar Fläche soll der Baumbestand verjüngt werden, was sieben Prozent der Holzbodenfläche entspricht. Laut Eick noch ein „normales Soll“.

Auch Eick ging darauf ein, dass der Anteil der zufälligen Nutzungen von Holz, also die Ernte von dürren und abgestorbenen Bäumen, zuletzt „bei sehr hohen 42 Prozent“ gelegen habe. In der Planung stehen daher 4,9 Erntefestmeter pro Jahr und Hektar und damit etwas mehr als in den letzten zehn Jahren mit 4,3 Erntefestmetern pro Jahr und Hektar. Der geplante Holzeinschlag liegt damit unter dem zu erwartenden laufenden Zuwachs. Eick prognostizierte jedoch, dass der tatsächliche Holzeinschlag über den geplanten Werten liegen werde.

Fitnessprogramm für den Wald

Alle Ziele seien auch die Ziele seiner Fraktion, erklärte Stadtrat Dr. Gerhard Baldes (CDU) zustimmend. Der Waldnaturschutz stehe über der Wirtschaftlichkeit, sei aber nicht zum Nulltarif zu bekommen. Die Klimaveränderungen seien eine große Herausforderung, meinte Baldes mit Dank an die Arbeit des Forstreviers.
„Erhöhte Biodiversität ist das Fitnessprogramm für den Wald“, erklärte Stadträtin Dr. Andrea Schröder-Ritzrau (SPD). Der beschleunigte Klimawandel setze den Wald unter Druck. Der Erhalt der Erholungsfunktion habe oberste Priorität für die Stadt Walldorf. Was die Brennholzvergabe anging, plädierte sie für „hartes Durchgreifen“. In den Öfen fehlten oft Feinstaubfilter, was zusätzliche Emissionen bedeute. Auch ihr Dank galt dem Forstteam, bei dem der Wald „in sehr guten Händen“ sei.
Stadrat Hans Wölz (Bündnis 90/Die Grünen) lobte das „hervorragende Betriebsergebnis von 2017“ und das „hochmotivierte Team“ sowie die Waldpädagogik. Der Zustand des Waldes sei allerdings nicht so erfreulich. Die erforderlichen finanziellen Mittel stelle man gerne bereit. Auch er befürwortete Änderungen in der Brennholzvergabe.
„Unsere Wälder haben nur eine begrenzte Robustheit“, stellte Stadtrat Günter Lukey (FDP) fest. Die Wälder veränderten ihr Gesicht. Dies sei eine große Herausforderung. Das für 2019 vorausgesagte Defizit von 106.000 Euro bedeute nicht mehr als eine Schachtel Zigaretten pro Einwohner/in. Das sei der Wald der Stadt wert.

Auch Bürgermeisterin Christiane Staab dankte Revierförster Glasbrenner „für die sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit“. Ihr Dank galt auch den Forstwirten und der Waldpädagogin. Der Gemeinderat stimmte der Forsteinrichtungserneuerung und dem Betriebsplan für 2019 einhellig zu.

Dürre Kiefern gehören inzwischen zum Waldbild. Im Reilinger Eck soll der Kiefernbestand durch Verjüngung erhalten werden.

Auf der Waldweide fühlen sich die Esel als wichtige Helfer des Forstes offensichtlich wohl.

Text: Stadt Walldorf
Fotos: Pfeifer

 

Veröffentlicht am 27. Januar 2019, 08:00
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