In Wiesloch wird abgerissen. In Wiesloch wird gebaut.

Der Abriss der Holfelder Werke, ehemals auch bekannt als Wieslocher Wellpappe,  hat begonnen.

(rp) Wiesloch, 13.11.2019 – Das Ende einer Ära in Wiesloch

Emil Holfelder (* 3. November 1877 in Wiesloch; † 24. November 1956) war ein deutscher Fabrikant. Er war Mitbegründer und langjähriger Vorstand der Badisch-Württembergischen Wellpappenfabriken Klingele & Holfelder.

Holfelder gründete am 21. April 1920 zusammen mit seinem Schwager Alfred Klingele in seiner Heimatstadt Wiesloch die Klingele Wellpapierfabrik. Aus kleinsten Anfängen brachten sie das Unternehmen an die Spitze des deutschen Marktes. Im Jahr 1936 konnte in Grunbach bei Stuttgart eine zweite Betriebsstätte eröffnet werden. Nachdem das Werk in Wiesloch am 30. April sowie am 1. Mai 1945 durch Artilleriebeschuss zerstört wurde, bauten sie das Werk wieder auf und konnten in den Nachkriegsjahren die Produktionszahlen weiter steigern.

Das Unternehmen wurde 1952 zwischen den beiden Familien aufgeteilt, die Familie Klingele betreibt nun in dritter Generation die Klingele Papierwerke.

Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit war Emil Holfelder auch im Gemeinwesen der Stadt Wiesloch engagiert. Von 1904 an war er Bezirksrat im Bezirksamt Wiesloch und gehörte dem Bürgerausschuss an. In dieser Funktion setzte er sich nachhaltig für die Errichtung einer Heil- und Pflegeanstalt, dem heutigen Psychiatrischen Zentrum Nordbaden ein. Während der Wohnungsnot nach Kriegsende ließ er für die Angehörigen seines Betriebes einen Wohnblock errichten. Zudem war er Mitbegründer der Schützengesellschaft Wiesloch und Ehrenmitglied mehrerer Vereine.

Für seine großen Verdienste um die Stadt Wiesloch wurde er am 3. November 1952 zu deren Ehrenbürger ernannt. Drei Monate später, am 2. Februar 1953, wurde ihm das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Abriss / Industriedemontage durch die Firma Eckert

Abbruch / Abriss / Industriedemontage durch die Firma Eckert Erdbau und Industrieabbruch GmbH

Ein Industriegelände verschwindet

Nachdem sich bereits im Umfeld der ehemaligen Wellpappe massive Veränderungen in den letzten Jahrzehnten erfolgten die aus industriell genutzen Flächen Wohngebiete machten, erfolgt nun die Umwandlung der letzten großen Fläche am Stadtrand.

So erinnert heute kaum noch etwas an die ehemalige Tiefkühlkost-Fabrik (Tiko) – lediglich zwei ehemalige Wohnhäuser die damals für die Einquartierung von Gastarbeitern dienten stehen noch. (Artikel zu Tiko in Vorbereitung).

Ebenso verschwunden ist die Essigfabrik Hambrecht & Söhne. Letztere siedelte um in das Gewerbegebiet „In den Weinäckern 9“ wo es bis 2010 existierte. Im Jahr 1923 gegründet hat die Firma bis 2010 87 Jahre Essigspezialitäten aus Baden produziert. Über ein 100-jähriges Jubiläum zu berichten wäre sicher schön gewesen.

Im Vergleich zu den Jahren zwischen 1900 und 1970 und heute sind unzählige Unternehmen nicht mehr existent.

Selbst eine Seifenfabrik gab es in Wiesloch. Heinrich Sieber (1836–1896) war nicht nur Seifenfabrikant, sondern von 1878 bis 1896 auch Bürgermeister von Wiesloch sowie badischer Landtagsabgeordneter von 1885 bis 1888. Er war der Sohn des Wieslocher Seifensieders Wilhelm Sieber, kam während seiner Lehrjahre nach Wien und Meißen und führte dann in Wiesloch den elterlichen Betrieb fort.

Klangvolle Namen hatten die Unternehmen „Vereinigte Leder- und Schuhfabrik Wiesloch„. Gustav Greiff (* 11. Mai 1850 in Wiesloch; † 7. Januar 1927 in München) war Schuhfabrikant in Wiesloch und badischer Landtagsabgeordneter. Im kommunalen Bereich engagierte er sich vielfältig für die Elektrifizierung und Kanalisation der Stadt Wiesloch, für den Eisenbahnausbau und für den Bau der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch. Von 1905 an lebte er als Privatier in München.

Wenig erfolgreich scheint die Wirtschaftsförderung der Stadt Wiesloch heutzutage zu sein. Einen Unternehmer als Bürgermeister hat Wiesloch zurzeit auch keinen.  Kritiker bezeichnen Wiesloch schon als „Schlaf und Wohnstadt“.

Ein neues Wohngebiet entsteht

Die Wellpappe Wiesloch bzw. die Holfelder Werke Wiesloch GmbH beteiligte sich neben der Stadt Wiesloch sowie dem Unternehmen Emil Schlutius Grossdruckerei GmbH und den drei Banken Sparkasse Wiesloch, Volksbank Wiesloch und der Spar- und Kreditbank Wiesloch e.G. an der im Jahr 1979 gegründeten Wohnbaugesellschaft.

Bürgerschaftliches Engagement durch Unternehmer würde man heute sagen. Dem Gemeinwohl verpflichtet sahen sich viele der damaligen Fabrikanten und Unternehmer in der Tat.

Was Emil Holfelder zur Flächenumwandlung in ein Wohngebiet sagen würde? Wahrscheinlich hätte er ein lachendes und ein weinendes Auge. Wo sollen die Menschen die da wohnen arbeiten? – Wäre ggf. auch eine Frage die er stellen würde? Den Menschen Arbeit und Wohnungen schaffen, damit kannte der Unternehmer sich aus.

„Ehemalige Wellpappe / Quartier am Bach“

Grafik Quelle: Stadt Wiesloch

Grafik Quelle: Stadt Wiesloch

Bebauungsplanverfahren „Ehemalige Wellpappe / Quartier am Bach“.

Der Gemeinderat hat am 25.09.2019 beschlossen, das Verfahren für den Bebauungsplan „Ehemalige Wellpappe/Quartier am Bach“ in Wiesloch einzuleiten. Die Offenlage der Unterlagen findet in der Zeit vom 12.11.2019 bis einschließlich 13.12.2019 statt.

Hier stehen alle offengelegten Unterlagen auch als Download zur Verfügung:
https://www.wiesloch.de/pb/bebauungsplan-verfahren.html

 

Die Entscheidung für ein Wohngebiet war damals nicht ohne Kritik

Adrian Seidler (ehemaliger Stadtrat, CDU) drückte seine Enttäuschung aus. An dem Wellpappe-Gelände seien sicher viele Gewerbebetriebe interessiert. Man gebe hier – selbst wenn das Konzept im Randbereich Firmenansiedlungen vorsehe – „ein Sahnestück“ auf. Unternehmen würden „schleichend“ aus der Stadt vertrieben. „Ich habe nichts gegen bezahlbaren Wohnraum, aber warum genau da?“, fragte Seidler. Als „Gewerbegebietsromantiker“ bezeichnete ihn darauf Dr. Fritz Zeier (Freie Wähler).

Lieber bestehende Gewerbegebiete auffüllen, anstatt neue Gewerbegebiete zu erschließen.“ so Stadtrat Veits (Die Grünen) in der Gemeinderatssitzung vom 24.10.2007.

Man hätte durchaus ein Gewerbegebiet schaffen können, wenn man schon nicht ein Industriegebiet wünscht. So hätte man das Gewerbegebiet Lempenseite mit dem Areal Wellpappe verbinden können. Damit hätte man ggf. die Chance gehabt ein völlig neues Gewerbegebiet zu schaffen mit einer neuen Straßeninfrastruktur.

Bei vielen Gewerbegebieten wird bemängelt das diese gerade für lange LKWs sehr schwierig zu befahren sind, oftmals auch in Sackgassen liegen.

Doch der Gemeinderat macht scheinbar auch vor dem Gewerbegebiet Lempenseite und dem Gewerbegebiet Zwischen den Wegen nicht halt, auch dort soll eine Umnutzung stattfinden. Umwandlung von Gewerbe zu mehr Wohnen heißt es im Maßnahmenkatalog des „Integriertes Stadtentwicklungskonzept INSEK Wiesloch 2030+“.

Armes Wiesloch, reiches Walldorf 

Walldorfs Kämmerer Boris Maier berichtete kürzlich dem Walldorfer Gemeinderat: „So wie es aussieht, haben wir dieses Jahr ein Rekordergebnis“, allein die Gewerbesteuereinnahme liegen aktuell bei 247 Millionen Euro – geplant hatte man mit 160 Millionen und somit schon um einiges höher als in den Vorjahren.

Das Ende einer Ära in Wiesloch

Text und Fotos: Robert Pastor

Hinweis in eigener Sache – Freien Journalismus unterstützen:

Unabhängiger Freier Journalismus braucht Unterstützung. Wenn Sie meine und unsere journalistische Arbeit bei WiWa-lokal.de honorieren und finanziell mit einer Spende unterstützen möchten:

paypal.me/RobertPastor | Verwendungszweck: Spende Lokaljournalismus
Eine Bankverbindung für eine Banküberweisung teile ich Ihnen gerne auch mit. Jeder Betrag (ob 1 € oder mehr) unterstützt die journalistische Arbeit.

Wenn Ihnen meine Arbeit also gefällt, Sie diese „konsumieren“ und regelmäßig verfolgen, wird sie Ihnen auch etwas wert sein. Es muss nicht viel sein: ein GEZ-Monatsbeitrag im Quartal oder in einem Jahr reicht aus – sofern dies auch andere tun. Vielen Dank im Voraus!

Veröffentlicht am 13. November 2019, 13:00
Kurz-URL: https://www.wiwa-lokal.de/?p=276072 

Das könnte Sie auch Interessieren...

Kommentare sind geschlossen

Anzeigen / Werbung

Archiv

Anzeigen

Fotogalerie

Anmelden | Entworfen von Gabfire themes

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Informationen...

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen

4.9.12