Erinnerung an jüdisches Leben in Walldorf

Wir dürfen nie vergessen – Gedenkveranstaltung am 22. Oktober

„Deportiert und ermordet“ – dieses Schicksal teilten die neunzehn Walldorferinnen und Walldorfer jüdischen Glaubens, die am 22. Oktober 1940 aus ihrem Leben gerissen und nach Gurs deportiert wurden.

Wer nicht schon dort an Unterernährung und Krankheiten starb, wurde später in einem der anderen Vernichtungslager der Nationalsozialisten ermordet.

An die 80. Wiederkehr dieses „dunkelsten Tages in der Walldorfer Geschichte“, so Bürgermeisterin Christiane Staab, erinnerte die Stadt gemeinsam mit der Evangelischen und der Katholischen Kirchengemeinde sowie der Vereinigung Walldorfer Heimatfreunde am Abend des 22. Oktober, an dem die in Walldorf verlegten „Stolpersteine“ mit weißen Rosen und Kerzen geschmückt waren. So auch vor der Hauptstraße 27, wo Elisabeth Krämer Informationen zu Gunter Demnig und seinem Stolpersteine-Projekt gab, das ihn im Mai 2010 nach Walldorf führte. „Der Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Demnig den Talmud. Vor der letzten selbstgewählten Wohnstätte der Deportierten verlegt er daher einen Messingstein mit Namen und Daten. Inzwischen seien in 21 Ländern Europas Stolpersteine verlegt worden, berichtete Krämer. Sie appellierte an alle, auf die Stolpersteine zu achten, darauf hinzuweisen und damit auch die Erinnerung an die Ermordeten wachzuhalten.

mit Kerzen und Rosen geschmückte Stolpersteine

„Wir dürfen nie vergessen“, dieser Appell war während der Gedenkveranstaltung immer wieder zu hören und so wurden in der Evangelischen Kirche die Namen und Walldorfer Adressen der neunzehn 1940 nach Gurs Deportierten genannt. Nur in einem Fall waren Adresse und Schicksal unbekannt. Neunzehn Kerzen leuchteten am Ende dieser berührenden Zeremonie auf dem Altar. „Wo bin ich schuldig geworden? Ich habe nichts getan, aber die Hunde kläffen. Sie verbreiten Lügen. Keiner hilft, ich bin ausgeliefert! Ich ringe um Luft!“ Mit kurzen Texten, die Not und Ausweglosigkeit wiederspiegelten, versetzten sich Jugendliche der Evangelischen und Katholischen Kirchengemeinden eindrücklich in die Situation der Verfolgten.
„Niemand stand mehr für die jüdischen Mitbürger ein, die doch Nachbarn, Klassenkameraden oder Kollegen gewesen sind“, sagte Christiane Staab. Die unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürften sich nicht wiederholen. Die Geschichte habe gezeigt, wie fragil auch ein legitimierter Rechtsstaat sei, mahnte die Bürgermeisterin.
Wie rasch sich der Alltag während des Nazi-Regimes änderte, führte Andy Herrmann aus. Er erwartete die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in drei Gruppen unterwegs waren, in der Hauptstraße 45, dem Ort, an dem die jüdische Gemeinde ab 1767 ihren Betsaal hatte. Die Schikanen gegenüber der jüdischen Bevölkerung begannen rasch nach der Machtergreifung 1933, so Herrmann. In „vorauseilendem Gehorsam“ habe die Walldorfer Parteileitung antisemitische Beschlüsse gefasst, ohne Weisung von oben.

Andy Herrmann am Ort des einstigen Betsaals

Einen Höhepunkt der Gräueltaten markierte der 9. November 1938 mit der Pogromnacht, in der die 1861 eröffnete Synagoge (in der heutigen Albert-Fritz-Straße) verwüstet wurde. Jüdische Familien wurden in dieser Nacht auch in ihren Wohnungen heimgesucht, jüdische Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen. Die Ausschreitungen gipfelten, so Herrmann, im Versuch, die Synagoge am 10. November anzuzünden. Da in deren Nachbarschaft aber Parteimitglieder ihre Häuser hatten, schritt der damalige Bürgermeister ein, so dass die Synagoge erhalten blieb.
In einer wichtigen jüdischen Gedenkstätte erwartete Dieter Herrmann die Gruppen: dem jüdischen Friedhof, der seit 1880 besteht. 88 Grabsteine stehen hier, der letzte stammt aus dem Jahr 1940. „Das Grab bleibt für die Ewigkeit“, erklärte Dieter Herrmann, der auf die kunstvollen Verzierungen einzelner Grabsteine aufmerksam machte und den Brauch, bei einem Besuch einen Stein zu hinterlassen. Auch die Leichenhalle, wo die Toten gewaschen wurden, steht noch auf dem jüdischen Friedhof. Für Alice und Ludwig Klein, die 1940 deportiert wurden, wurden Gedenkplatten angebracht.

Steinerne Zeugen jüdischer Kultur auf dem Friedhof

An ihren Sohn Kurt, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, erinnerte Wolfgang Widder, der sich mit dessen Vita intensiv befasst hat. Für den in Walldorf aufgewachsenen Jungen sei es selbstverständlich gewesen dazuzugehören. Doch das änderte sich. 1937 schickten ihn die Eltern in die USA in Sicherheit. Dort waren auch seine Geschwister Gerdi und Max. Sie versuchten vergeblich, ihre Eltern zu retten. Alice und Ludwig Klein wurden in Auschwitz ermordet. Kurt Klein kam 1944 als US-amerikanischer Soldat nach Deutschland zurück, wo er auf die letzten Überlebenden eines Todesmarsches traf, deren Versorgung er sicherte. Eine dieser Überlebenden war seine spätere Frau Gerda Weissmann. Die Wege von Kurt Klein und Oscar Schindler kreuzten sich 1945. Auch Schindler wurde von Klein unterstützt. In den USA gründeten Klein und seine Frau eine Stiftung und engagierten sich für Toleranz und Menschenrechte. Gerda Weissmann-Klein ist 96 Jahre alt und lebt in Phoenix/Arizona. Kurt Klein starb 2002. Wolfgang Widder dankte der Stadt Walldorf dafür, eine Straße nach Kurt Klein benennen zu wollen, „um die Erinnerung an diesen bescheidenen und vorbildlichen Menschen wachzuhalten“.

Text: Stadt Walldorf
Fotos: Pfeifer

Veröffentlicht am 1. November 2020, 08:00
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