„Drecksflüchtlinge“ – oder: Wie man sich täuschen kann!

Ein Bericht von Inge Ottmann aus Wiesloch:

Nachdem ich euch vor einiger Zeit von meinen Erfahrungen mit den ca. 120 Flüchtlingen erzählte, (wir berichteten hier Zum Alten Bericht) die wir hier seit einigen Wochen in der Sporthalle in Wiesloch in der Parkstraße untergebracht haben, so will ich heute mal ein Resümée ziehen der vergangenen Wochen. Nächste Woche beginnt die Schule wieder und sicher gibt es immer noch genügend besorgte Eltern, die sich fragen wie das klappen soll mit so vielen ausländischen jungen Männern  nebenan.

Auf dem Weg von unserer Wohnung in die Innenstadt komme ich regelmäßig an der Notunterkunft vorbei, unterhalte mich von Zeit zu Zeit kurz mit dem ein odert anderen sofern das sprachlich möglich ist. Dabei fiel mir hin und wieder Müll am Wegesrand oder im Feld auf. Nicht übermäßig viel, aber hin und wieder eben. Heute hab ich mir die Mühe gemacht einen Erytreer zu suchen, der etwas Englisch spricht, damit er seinen Landsleuten (die oft an der Stadtbücherei wegen dem freien W-LAN dort sitzen) weiter gib, dass sie auf alle Fälle immer darauf achten sollen ihren Müll in die Tonnen zu werfen und nirgends auf den Weg. Gesagt, getan. Das gleiche gilt natürlich auch für die anderen aus dem Camp. Es sind ja auch Iraker, Iraner und Afghanen dort. „Dschördi“ heißt übrigens „Mülleimer“ auf eritreisch. Auch ich lerne dazu 😉 Ob man das wohl so schreibt? Keine Ahnung, Erytreer benutzen nämlich eine komplett andere Schrift, aber ich denke sie haben es verstanden.

Auf dem Rückweg im Gerbersruhpark wurde ich dann Zeuge wie 2 junge Männer sich gerade auf eine Bank setzten, ihre leere Zigarettenschachtel achtlos auf den Boden warfen und nebendran die leere Bierflasche hinstellten. Rein äußerlich hatte ich den einen eher in Richtung „Irak“ eingeschätzt, bei dem Zweiten war ich mir unsicher. „So Jungs, jetzt hab ich euch“ dachte ich mir und bin auf sie zu und hab ihnen auf Englisch klar gemacht, dass der Müll wo anders hingehört. „Denken Sie etwa wir sind Asylanten?“ kam überrascht in fließendem Deutsch als Antwort, weil ich sie auf Englisch angesprochen hatten. Wie sich heraus stellte, so waren es Deutsche (oder vielleicht ausländische Mitbürger, die hier aufgewachsen sind?) Ihr Deutsch war auf alle Fälle astrein und vollkommen akzentfrei. Tja, soooo kann man sich täuschen, nicht wahr? Aber zum Glück zeigten auch diese beiden sich einsichtig.

Von daher: Immer erst mal nachdenken, ob „unsere „ Jugendliche nicht auch oft achtlos Müll in die Landschaft werfen bevor man jemand als „Drecksflüchtling“ verurteilt. Diesen Begriff hab ich nämlich leider nun in den vergangenen Tagen häufig in den sozialen Medien gelesen. Denkt dran: In JEDER Gesellschaft gibt es „solche und solche“ und manche kennen es bisher auch einfach noch nicht anders.

Was die Lage in der Turnhalle betrifft: Vorläufig ist noch keine andere Unterkunft gefunden. So wie es aussieht werden die ca. 120 Asylbewerber also noch dort bleiben müssen. Ich würde mir nach wie vor wünschen, dass man diese Leute nicht immer ALLE über einen Kamschmutzm schert. In der ganzen Truppe gibt es „solche und solche“. Ich habe sehr nette bisher kennen gelernt und kann zum Glück noch von keinen negativen Erlebnissen berichten. Allerdings ist die Verständigung gerade mit den oft nicht Englisch-sprechenden Erytreern eher schwierig. Ich kann euch einfach nur weiterhin raten: Beurteilt die Menschen NACHDEM ihr sie kennen gelernt habt. Es gibt einen in der Gruppe, der besonders hervorsticht und dem ich wünsche, dass er es hier packt. Wo immer es geht hilft er, er übersetzt für andere und ist äußerst höflich. Auch er hatte einen langen beschwerlichen Weg von Afghanistan bis hierher hinter sich und muss fürchten in seiner alten Heimat von der Taliban umgebracht zu werden, da er für eine Firma arbeitete, die die amerikanischen Streitkräfte mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgte bevor sie immer wieder von der Taliban bombardiert wurden.

Bevor euch also der Begriff „Drecksflüchtling“ heraus rutscht, so denkt lieber zweimal nach. Manchmal kommt der „Dreck“ nämlich auch von ganz wo anders…

Veröffentlicht am 10. September 2015, 21:12
Kurz-URL: https://www.wiwa-lokal.de/?p=132412 

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