Alter Friedhof Baiertal: Kann und darf das Leben zurückkehren?

Diese Frage war das zentrale Thema der Bürgerversammlung am vergangenen Donnerstag, den 23.03.2017, im katholischen Gemeindehaus. Oberbürgermeister Dirk Elkemann und Ortsvorsteher Karl-Heinz Markmann luden interessierte Bürger und Bürgerinnen ein, um über den Bau eines ökumenischen Gemeindezentrum in Baiertal zu informieren sowie Fakten darzustellen und die Möglichkeit einer anschließenden Diskussion zu gewähren.

(LL) Es ist kurz vor 19:30 Uhr. Das katholische Gemeindehaus am „Alte Hohl“ ist bis auf den letzten Platz belegt. Es herrscht rege Diskussion zwischen den Sitzreihen und eine angespannte Spannung ist zu spüren. Auf der Bühne sitzen neben dem Oberbürgermeister der Stadt Wiesloch und dem Ortschaftsrat Baiertal noch weitere Gesichter, die an diesem Abend Rede und Antwort stehen werden. Stefan Brunner vom Erzbischöflichen Bauamt Heidelberg sowie Architekt Jens In het Panhuis aus Heidelberg, haben ebenso auf der Bühne Platz genommen, um an diesen Abend weitere Details der angeforderten Machbarkeitsstudie zu präsentieren. Am gleichen Tisch sitzen auch die Vertreter der Kirchen, nämlich Friedhelm Natzschka der evangelischen Kirchengemeinde und Hans-Jürgen Stadler der katholischen Kirchengemeinde.

Pünktlich geht es los und Herr Elkemann bedankt sich für die rege Teilnahme am heutigen Abend. Mit einer kleinen Einführung informiert er die Bürger und Bürgerinnen zu der aktuellen Situation. Seit Monaten wird darüber diskutiert, welcher Standort der Beste für ein gemeinsames Gemeindezentrum für Baiertal ist. Das Wichernhaus der evangelischen Kirchengemeinde ist aufgrund von Schimmelbefall und baulichen Mängeln seit über einem Jahr geschlossen. „Auch das katholische Gemeindehaus ist stark sanierungsbedürftig“, so Elkemann. Unmittelbar danach waren laute Buh-Rufe von jenen Bürgern zu hören, die wohl anderer Meinung waren. Elkemann bittet direkt am Anfang der Veranstaltung für mehr Respekt füreinander, auch wenn das Thema des heutigen Abends für hitzigen Gesprächsstoff sorgen wird.

Derzeit stehen zwei Varianten zur Diskussion, nämlich dass die katholische und evangelische Kirchengemeinde gemeinsam am jetzigen Standort des katholischen Gemeindehauses ein ökumenisches Gemeindehaus baut. An diesem Standort ist aufgrund der Hanglage und der Vorgaben der Kirchenbehörden nur noch ein kleineres Gemeindezentrum möglich. Da die Vorgaben der Kirchenleitung maximal 450 Quadratmeter für ein neues Gemeindezentrum zulassen, bedeutet dies, dass auf einer Ebene der zwei Stockwerke maximal 140 Quadratmeter für einen Veranstaltungssaal ermöglicht werden könnten. Diese Zahl ist deutlich kleiner als die Flächen des jetzigen Gemeindehaus am „Alte Hohl“. Der große Saal mit Bühne und Foyer eingeschlossen, umfasst dabei über 300 Quadratmeter. Wichtig ist hierbei, dass das  Gemeindehaus nicht nur einen ökumenischen Nutzen, sondern auch eine Schnittstelle zum weltlichen Leben finden soll. Bei der beschriebenen Variante bestünde für Vereine dann jedoch nicht mehr die Möglichkeit, größere Veranstaltungen wie zum Beispiel Prunksitzungen, Konzerte des Musikvereins Baiertal oder andere Feste durchzuführen. Nun wären wir beim eigentlichen Knackpunkt.

Zum anderen wäre eine energetische Sanierung unwirtschaftlich und würde vom katholischen Ordinariat nicht genehmigt werden. Eine Generalsanierung bedeutet dabei, dass das Gebäude rollstuhltauglich gemacht wird, Fenster und das gesamte Dach neu gesetzt werden müssen sowie Technik, Brandschutz und vieles mehr auf den neusten Stand gebracht werden. Dies würde eine Summe von über 1.265.00,00 Euro beanspruchen, was weder von der katholischen Kirche allein noch gemeinsam mit der evangelischen Kirche gehalten werden kann. Herr Brunner erklärt, dass das katholische Gemeindezentrum etwa doppelt so groß ist, wie es nach den neuen kirchenrechtlichen Richtlinien sein dürfte, was heute zu Problemen führt.

Die zweite Variante, die zur Option steht, ist, dass die Kirchengemeinden mit Beteiligung der Stadt Wiesloch ein ökumenisches Gemeindezentrum am Alten Friedhof plant. Die ebenerdige Bauweise an diesem Standort bietet die Möglichkeit, einen größeren Veranstaltungsraum einzurichten. Die letzten Bestattungen auf dem alten Friedhof in Baiertal liegen 25 bis 30 Jahre zurück. Dabei ist das jüngste Ablaufdatum im Jahr 2014 abgelaufen.  

Panhuis sieht den Beweis an diesem Abend als erbracht, dass am gegebenen Standort ein Gemeindezentrum auf einer ebenerdigen Fläche von 450 Quadratmetern gebaut werden kann. Von ihm werden drei mögliche Standorte auf dem alten Friedhof vorgeschlagen. Zwei am Eingang des alten Friedhofes an der Sinsheimer Straße und ein Standort im Anschluss an die Aussegnungshalle. Standort B, welcher von dem Architekten als „erschreckend ähnlich“ zum jetzigen Standort dokumentiert wird, ist nahe an der evangelischen Kirche gelegen, was ein Wunsch der Kirchenvertreter ist.  Dieser Standort präsentiert sich als „öffentlicher Raum“ und ist präsent, wenn man mit dem Auto am alten Friedhof vorbei fährt. Für die Saalplanung werden bei allen drei möglichen Standorten 245 bis 262 Quadratmeter zur Verfügung stehen, jedoch ist dabei die Bühne noch nicht inbegriffen. Planer möchten hier mit einer mobilen Bühne arbeiten.

Fragen über die Parkplatzproblematik oder Eigentümerfragen blieben relativ offen und konnten nur unzureichend beantwortet werden.

Herr Elkemann betonte zuletzt noch einmal, dass man keinesfalls der Gemeinde ein ökumenisches Gemeindezentrum auf dem alten Friedhof aufzwängen möchte. Dabei wird von ihm der Pietätsaspekt, der ehrfürchtige Respekt vor den Toten, angesprochen. Auch Pfarrerin Regina Bub und Pastoralreferentin Kathrin Grein bringen zum Ausdruck: „Lebende und Verstorbene gehören zusammen“. Elkemann zeigt „vollstes Verständnis“ und kann sehr gut nachvollziehen, dass es Parteien gibt, die sich gegen den Standort des alten Friedhofes äußern. „Jeder hat seine freie Meinung, an die niemand, ob die Stadt, der Ortschaftsrat oder die Vertreter der Kirchen rütteln wollen“. Doch nichtsdestotrotz gibt Elkemann zu verstehen, dass die Chance, die sich hiermit auftut, nur einmal entschieden wird und es dann erstmal keine weiteren Diskussionen über ein mögliches Gemeindehaus geben wird. So gibt OB Elkemann weiter zu verstehen, dass es nicht etwas völlig Ungewöhnliches ist, auf einen ehemaligen Friedhof zu bauen. Er gibt die neue Turn- und Gymnastikhalle an der Schillerschule in Wiesloch als Beispiel an, die nun auf einem ehemaligen Friedhof, nämlich dem Schillerpark, entstanden sind.

Danach gibt Markmann noch einmal zu verstehen, warum die Bürgerversammlung veranstaltet wurde: Nämlich um nicht über die Köpfe der Bürger und Bürgerinnen hinweg zu entscheiden, sondern um sich gemeinsam zu treffen und einer Politikverdrossenheit entgegenzugehen. Dies bedeutet, die Bürger und Bürgerinnen von Baiertal zunächst „ins Boot zu nehmen“ und zu fragen, was von dem Bau eines ökumenischen Gemeindehauses zu halten ist. Die Kirchen „wollen gemeinsam einen Neubau“, so Natzschka, und sind auch für den alten Friedhof offen, werden jedoch nicht darauf bestehen, wenn Bürger und Bürgerinnen sich gegen diesen Standort entscheiden. 

Gleichzeitig sollte man im Hinterkopf behalten, dass „es nicht die Aufgaben der Kirchen ist, sich um Veranstaltungsräume zu kümmern“, so Brunner.

Bei der Fragestellung, um den Standort des alten Friedhofes gibt es kein „richtig“ oder „falsch“, so Elkemann. Die Begründung für ein „Ja“ oder „Nein“ ist jedem selbst überlassen. Aus diesem Grund wurden alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger des Ortsteils Baiertal angeschrieben und anhand eines Fragebogens aufgefordert, ihre Meinung zur Bebauung des Friedhofsgeländes abzugeben. Die Feststellung des Ergebnisses der Umfrage wird der Ortschaftsrat Baiertal voraussichtlich am 11.04.2017 in einer öffentlichen Sitzung abhalten.

Veröffentlicht am 27. März 2017, 06:00
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