Afghanistan im Wohnzimmer

Mirwais hatte es geschafft. Geflohen vor den bürgerkriegsähnlichen Wirren in seiner Heimatstadt Bamiyan kam der junge Mann aus Afghanistan 2015 nach beschwerlicher und mitunter gefährlicher Reise in Deutschland an.

Es folgten die Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft, das Stellen des Asylantrags, die Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und: das Warten. Für Mirwais waren die Lebensumstände in Deutschland in Ordnung, denn er hatte zwei Dinge erreicht. Sicherheit und Zuversicht. Sicher war er in seiner Heimat schon allein als Angehöriger der Hazara-Minderheit nicht. Und erst recht nicht, weil er sich den Anwerbeversuchen der Taliban widersetzte. Gleich wie niemand in Afghanistan wirklich sicher sein kann, wenn er sich nicht den gerade herrschenden Terrorgruppen oder rivalisierenden militanten Clans seiner Region andient. Und Zuversicht schöpfte er aus einer urmenschlichen Gewissheit, dass Deutschland ihn nicht in den Krieg zurückschicken und er als Flüchtling bleiben dürfe, bis seine Heimat halbwegs befriedet sei. Doch Mirwais täuschte sich – sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt und damit einhergehend auch ein temporäres Bleiberecht als Flüchtling aus einem Bürgerkriegsland. Er muss nach Afghanistan zurück.

sdr

Ob es Mirwais tatsächlich gibt und ob sich das oben Beschriebene genau so zugetragen hat, ist unerheblich. Er könnte Hamed, Amjed oder Bagher heißen und aus jeder anderen Stadt Afghanistans stammen. Sein Fall bildet den roten Faden eines Vortrags, dem am vergangenen Sonntag im Wieslocher JuZ zu folgen war. Geladen hatte der Verein ‚Cafe Mokka‘ und die Referentin war Friederike Stahlmann, Afghanistan-Expertin am Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung in Halle (Saale). Frau Stahlmann lebte selbst längere Zeit in dem Land am Hindukusch und konnte daher ihre Ausführungen mit zahlreichen eigenen Erfahrungen belegen.

Stahlmann schickte ihren Mirwais gedanklich schon einmal mit dem Flugzeug zurück nach Kabul und zeigte auf, welche Konsequenzen die mitunter zynischen Beschreibungen und Anweisungen im Asylbescheid haben. Dort heißt es regelmäßig, dass es sichere Regionen im Land gebe, in denen sich ein Rückkehrer niederlassen könne. Und auch, dass ein junger Mann, der es bis nach Europa geschafft habe, über genügend Energie verfüge, zu Hause eine Arbeit zu finden. Und schließlich, dass es aufgrund der großfamiliären Strukturen sicherlich jemanden gebe, der notfalls für seinen Unterhalt aufkommen werde. In der Erläuterung dessen, dass alle diese Annahmen in der Regel nicht zutreffen, nahm die Referentin die knapp fünfzig ZuhörerInnen gleichsam mit in den Flieger und zu den möglichen Stationen des Rückkehrers.

Mirwais landet in Kabul. Da die Taliban ein enges informelles Netzwerk geknüpft haben, entscheidet er sich, umgehend in der Millionen-Metropole unterzutauchen. Was – für europäische Verhältnisse nahezu unglaublich – kaum möglich ist. Denn man kann nicht mal eben so eine Bleibe mieten. Stets wird man gefragt, wo man herkomme. Wenn er sagt, ‚aus Europa‘ setzt er sich der Gefahr aus, erpresst oder gekidnappt zu werden, weil es sicher im Westen jemanden gebe, der ihn auslöst. Nennt er seinen Heimatort und seine Familie, wird schnell bekannt, dass er geflüchtet war, was ebenfalls Erpressung oder Repressalien für die Familie nach sich zieht. Wie überhaupt die Angehörigen sich bereits seit der Flucht von Mirwais ausgegrenzt sehen. Vielleicht haben sie ihr letztes Stück Land verkauft – und sich damit ihrer Existenzgrundlage beraubt. Ziemlich sicher ist jedoch, dass die vor Ort herrschende militante Gruppierung die Dorfbevölkerung dazu anhält, die Familie zu ächten. Und wer sich dieser Anweisung widersetzt, erleidet dasselbe Schicksal. Ausgrenzung, Einschüchterung sowie exemplarische Exekutionen: das sind die gängigen Machtinstrumente der Milizen. Die Taliban und andere Gruppierungen erwirtschaften im Übrigen einen großen Teil ihrer Einkünfte aus Erpressung und Entführung und stärken somit das System von mafiösen und korrupten Strukturen, an denen das Land insgesamt leidet.
Zurück zu Mirwais. Um seine Familie zu schützen, lässt er sich auf die Zahlung von Schutzgeld ein. Die zu entrichtenden Beträge sind jedoch in der Regel so hoch, dass sie mit der wenigen Arbeit, die es überhaupt gibt, nicht erzielt werden können. Bleiben also illegale Geschäfte oder der Eintritt in die Taliban. Beides untergräbt die ohnehin schwachen staatlichen Strukturen noch weiter.
„Geh doch zur Polizei“ ist der Mitteleuropäer geneigt zu raten. Aber es gibt keinen verlässlichen Polizeiapparat im Land. Häufig sind leitende Personen Taliban und die ihnen Unterstellten handeln in ihrem Sinne. Und die geringen funktionierenden Einheiten unterliegen starker Dezimierung. Etwa 30% ihrer Kräfte verliert sie pro Jahr durch Abwerbung, Desertation oder Tod.

Was hier nur stark vereinfacht dargestellt werden kann, und doch bereits mehr als kompliziert erscheint, ist die Realität, der die zur Rückkehr aufgeforderten Menschen ausgesetzt sind. Dies machte Friederike Stahlmann eindrucksvoll deutlich. Und den ‚Faktencheck‘, wie es in TV-Sendungen häufig genannt wird, konnten die ZuhörerInnen direkt im Anschluss im Gespräch mit den Betroffenen machen. Denn der Einladung zum Vortrag waren nicht nur interessierte Wieslocher gefolgt, sondern auch etwa zwanzig Männer afghanischer Herkunft, die allwöchentlich Gäste des Cafe Mokka sind. Ihr Kommen war ein Grund, die Veranstaltung quasi im Wohnzimmer des Vereins anzusiedeln.

„Wenn die Lage so desolat ist“, wurde Frau Stahlmann am Ende gefragt, „was können wir dann tun, um diese Menschen vor einer Rückkehr in den Krieg zu schützen?“ Dies könne, so die Antwort, nur in einer langen, beharrlichen Arbeit geschehen. Einerseits, in dem die Situation des Landes einem stetig wachsenden Kreis von Menschen vor Augen geführt wird. So dass sich Verständnis für ein Bleibereicht entwickle. Zweitens, in dem viele hilfsbereite Menschen die Geflüchteten unterstützen. In der Begleitung ihres Asylverfahrens, bei der Wohnungssuche, dem Spracherwerb und der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Veröffentlicht am 21. Oktober 2017, 10:00
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