Gelungener Auftakt der Walldorfer Musiktage im Rathaus-Atrium

Metamorphosen in Musik und Kunst

Pünktlich zum Herbstanfang wurde wieder der rote Teppich vor dem Walldorfer Rathaus ausgerollt und das Atrium des Verwaltungsgebäudes verwandelte sich in einen stimmungsvollen, in blau-violettes Licht getauchten Konzertsaal. Die nunmehr 13. Walldorfer Musiktage wurden eröffnet und stehen unter dem interessanten Motto „Metamorphosen“.  Dr. Timo Jouko Herrmann, Initiator und künstlerischer Leiter sowie Musikbeauftragter der Stadt, hat wieder ein spannendes und gut durchdachtes Programm mit zahlreichen musikalischen Kleinoden zusammengestellt. Herrmann ist es dabei wichtig, das Thema genreübergreifend zu beleuchten, weshalb er Hartmuth Schweizer, den Kunstbeauftragten der Stadt, mit ins Boot geholt hat. Denn in Schweizers künstlerischem Werk spielen Metamorphosen ebenfalls eine zentrale Rolle.

Musik und Bildende Kunst standen an diesem Abend in einem reizvollen Dialog. Herrmann und Schweizer machten das Publikum mit dem Thema der Metamorphose, der Veränderung, dem Wandel der Gestalt, in Kunst und Musik vertraut. Die bekannteste Metamorphose sei wohl die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling, aber auch der Mensch verwandle sich von Geburt bis zum Tod, betonte Herrmann. Für Schweizer sind Metamorphosen das Prinzip des Lebens schlechthin. Zahlreiche Zeichnungen und Exponate galt es, in einer begleitenden Kunstausstellung zu entdecken. Besonders beeindruckend waren die riesigen Kokons oder Puppen, die Schweizer aus Ästen, Feinstrumpfhosen und Wachs angefertigt und im Baum im Rathaus-Atrium aufgehängt hatte. Eindrucksvoll sahen auch die weiß gestrichenen Äste, von lila Licht angestrahlt, in Gruppen angeordnet und quasi auf dem Kopf stehend, aus. Maikäfer-Engerlinge in Pralinenschachteln, ein Licht mit Kochplatte, Beton und einer Kugel aus Bienenwachs oder eine alte Nähmaschine mit Schläuchen und vieles mehr gab es zu bestaunen. Schweizer erklärte, wie er aus Alltagsobjekten, oft aus seinem Garten, Kunstgegenstände werden lässt. Grundlegend dafür sei eine Freiheit und Offenheit des Denkens.

Auch in der Musik spielt die Metamorphose eine große Rolle, nicht nur kompositorisch im Notentext – Themen können sich verändern, Wandlungen durchlaufen –, sondern auch das Thema der Metamorphose selbst wurde sehr gerne auf der Bühne dargestellt. Mit den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid, im Jahr 3 bis 8 n. Chr. entstanden, stehe uns ein unglaublicher Sagenschatz zur Verfügung, erklärte Herrmann.  Diese 250 Geschichten aus der Mythologie handeln alle vom Wandel. Ovids Sammlung war und ist bis heute prägend für die Kunst wie auch für die Musik, vor allem für Oper und Schauspiel. Gleich die allererste Oper im 16. Jahrhundert behandelte einen Stoff aus der Mythologie, die Verwandlung der Nymphe Daphne in einen Lorbeerbaum.

Das Thema der Metamorphose zieht sich durch die gesamte Musikgeschichte, wie Herrmann betonte. Dazu gehören auch die 1951 entstandenen „Metamorphosen“ für Solo-Oboe von Benjamin Britten. Mit den sechs kurzen, bezaubernden Klangbildern nach Erzählungen aus Ovids Sammlung beglückte der junge Oboist Sebastian Raffelsberger das zahlreich erschienene Publikum. Die selten zu hörenden musikalischen Kleinode dienten quasi als Kontrapunkt zum Dialog und zur Kunstausstellung. Britten verarbeitete die mythologischen Geschichten Ovids zu einer Art szenischer Instrumentalmusik der Natur. Der Zyklus begann mit der mythologischen Geschichte des Gottes Pan, der vergeblich der Nymphe Syrinx nachstellte. Sie rief die Götter um Hilfe, die sie in Schilfrohr verwandelten, bevor Pan sie packen konnte. Als Pan das Schilfrohr umarmte, strich der Wind darüber und erzeugte klagende Laute. So kam Pan die Idee, ein Instrument daraus zu bauen, die Panflöte, und benannte sie nach der für ihn unerreichbaren Nymphe Syrinx. Die Oboe eignet sich besonders gut, um den Charakter des Schilfrohrs zu betonen. Eine klagende Melodie im impressionistischem Stil in der pastoralen Tonart A-Dur war zu vernehmen, die immer wieder von Tonrepetitionen ergänzt wurde und in kurzen, abgerissenen Tönen leise verklang.

Im zweiten Satz ging es um Phaeton, den Sohn des Sonnengottes und einer Sterblichen. Phaeton fuhr mit dem Sonnenwagen seines Vaters zur Sonne und stürzte, von einem Blitz getroffen, in den Fluss Padus. Gebrochene Dreiklänge verdeutlichen die Fahrt des Helden zur Sonne und seinen Sturz. Raffelsberger versetzte das Publikum mit seinem Spiel ins Staunen. Hier konnte er zeigen, dass die Oboe mit ihrem nasalen Klang, die man normalerweise nur als Orchesterinstrument kennt, auch als Soloinstrument ihre ganz eigenen Reize hat. Mit großer Musikalität, voller Spannkraft und tiefen Emotionen brachte Raffelsberger virtuos die musikalischen Metamorphosen zu Gehör. Mal erinnerte sein Spiel an eine Panflöte, dann wieder an einen wilden Ritt oder eine sprudelnde Quelle, wie in der letzten Metamorphose, in der die Nymphe Arethusa auf der Flucht vor dem Flussgott Alpeios von Diana in eine Quelle verwandelt wurde. Man konnte regelrecht das Wasser sprudeln und plätschern hören. Mit schnellen Läufen und Trillern beeindruckte Raffelsberger.

Der dritte Satz handelte von Niobe, die um ihre 14 Kinder trauerte und vom Schmerz überwältigt in Stein verwandelt wurde. Raffelsberger ließ seine Oboe einen großen Klagegesang in opernhaftem Stil anstimmen, an dessen Ende ein Arpeggio für die Metamorphose stand. In der vierten Metamorphose durfte das Publikum, das inzwischen in den vorderen Teil des Foyers umgezogen war, an einem rauschenden Fest des Weingottes Bacchus teilnehmen. Raffelsbergers Oboe ließ die Frauen tratschen und die Knaben jauchzen. Ein fröhliches Geschnatter machte sich breit. Schnelle Läufe rissen plötzlich ab, musikalische Figuren kreisten. Im sechsten Satz wurde der, in sein eigenes Spiegelbild verliebte Narcissus in eine Narzisse verwandelt. In diesem Satz spiegeln sich alle Motive in ihrer Umkehrung, bis am Ende der Grundgedanke in ein reines C-Dur verwandelt wird. Raffelsberger beeindruckte mit seinem Spiel, reizte Dynamik und Klangvielfalt seiner Oboe voll aus und füllte das Atrium mit ihren wunderbaren Klängen. Begeisterten Applaus gab es am Ende für den jungen Musiker. Nach dieser gelungenen Auftaktveranstaltung der Musiktage hatte das Publikum noch die Gelegenheit, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen und die Ausstellung in Ruhe zu betrachten.

Text: Carmen Diemer-Stachel

 

Fotos: Pfeifer

 

Veröffentlicht am 1. Oktober 2022, 10:00
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