Faszination Streichquartett – Malion Quartett

Kammermusik vom Feinsten

Einen beglückenden Kammermusikabend durfte das Publikum bei der zweiten Veranstaltung der diesjährigen Konzerte der Stadt Walldorf in der Astoria-Halle erleben.

Der Musikbeauftragte Dr. Timo Jouko Herrmann hatte das junge Malion Quartett bestehend aus Alexander Jussow (Violine), Jelena Galić (Violine), Lilya Tymchyshyn (Viola) und Bettina Kessler (Violoncello) für die Konzertreihe gewinnen können.

Eigentlich war der Auftritt des Quartetts, damals zum Teil in anderer Besetzung, schon im April 2020 geplant gewesen. Aber es kam anders und das Konzert fiel leider, ebenso wie fast das gesamte Programm für 2020, der Corona-Pandemie zum Opfer.

Zwei Jahre später, nach dem inzwischen siebten Versuch, das Konzert nachzuholen, hat es nun endlich geklappt. Herrmann zeigte sich sehr erfreut darüber, die jungen Musikerinnen und Musiker endlich in Walldorf begrüßen zu können. Seine Kontaktperson ist Bettina Kessler, die aus Wiesloch-Frauenweiler stammt und die er aus gemeinsamen Zeiten an der Musikschule Südliche Bergstraße kennt. Zudem hatte er die Ehre, sie auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vorbereiten zu dürfen.
Auch Bettina Kessler freute sich sehr, in ihrer Heimat spielen zu dürfen und das auch noch an ihrem Geburtstag.

Den Auftakt des Konzertabends machte Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1 „Kreutzersonate“. Jelena Galić führte in das 1923 entstandene Werk ein. Es ist von Leo Tolstois Novelle “Die Kreutzersonate” inspiriert. Darin schildert Tolstoi das Psychogramm einer zerrütteten Ehe. Ein alternder Ehemann beobachtet voller Argwohn, wie seine junge Frau emotional aufblüht, als sie mit einem befreundeten Geiger musiziert. Die beiden spielen Beethovens „Kreutzersonate“. Der Mann redet sich ein, Opfer eines Betrugs zu sein, und er steigert sich so sehr in seine Gefühle von Eifersucht und Hass hinein, dass er seine Frau schließlich tötet. Am Ende bereut er seine Tat. Ausgesprochen dramatisch geht es hier zu. 
Janáček versteht es ausgezeichnet, Emotionen in Töne umzusetzen. Die Zuhörer werden mit in rauschartige Zustände versetzt und werden Zeugen von Janáčeks Ausloten aller möglichen und unmöglichen Harmonien. Der große Opernkomponist hat mit seinem Quartett quasi eine Oper für vier Streicher geschaffen, deren „Libretto“ gleichsam von Tolstoi stammt.
Mit Herzblut und spürbarer Spielfreude stürzten sich die vier jungen Musikerinnen und Musiker ins Geschehen. Meisterhaft setzten sie die Intensität sowie die düstere, verstörende Stimmung dieser Seelenmusik um. Mit starker Ausdruckskraft agierten sie und wurden den hohen Anforderungen mit scheinbarer Leichtigkeit gerecht. Abrupte Tempiwechsel, schroff nebeneinandergestellte Formteile, Klänge an der Grenze zwischen Wohlklang und Geräusch sowie eine große dynamische Bandbreite und das Spiel sul ponticello gelang mühelos.
Mit großem Einfühlungsvermögen ließen sie die Seelenqualen des Protagonisten zu Tönen werden, ließen Verletzung, Verzweiflung, Brutalität, Reue und tiefe Traurigkeit erklingen.
Das Malion Quartett zog das Publikum mit seinem virtuosen Spiel ganz in seinen Bann. Atemlose Stille herrschte nach den letzten Klängen im Publikum, bis es endlich wagte, begeisterten Applaus zu spenden.

Ganz andere Klänge galt es in dem berührenden kleinen Werk „Melodie“ des ukrainischen Komponisten Myroslav Skoryk zu entdecken. Das 1981 entstandene Werk wurde als Filmmusik, ursprünglich für Violine und Orchester, komponiert und ist in den letzten Jahren zu einer Art Hymne für das ukrainische Volk geworden. Jussow und Tymchyshyn, die in das Werk einführten, haben beide ukrainische Wurzeln.
Das Malion Quartett spielte die „Melodie“ vor Kurzem auf einer Kundgebung für die Ukraine in Stuttgart und zwar direkt aus abfotografierten Noten aus einer Kiewer Bibliothek. Zart und melancholisch floss die traumhafte Musik dahin. Vor dem inneren Auge sah man die berühmten großen goldenen Weizenfelder der Ukraine im sanftem Wind wogen. Man spürte, mit welch großen Emotionen die jungen Musiker bei der Sache waren. Mit unglaublich zarten, feinen und hohen Flageolett-Töne verklang das kleine Musikstück.

Einen grandiosen Abschluss des Abends bildete Claude Debussy´s 1893 entstandenes erstes und einziges Streichquartett g-Moll op.10. Inspiriert wurde Debussy von der Musik Richard Wagners und einem Musikensemble aus Indonesien, das er auf der Welltaustellung 1889 in Paris kennenlernte. Ungewöhnliche Klangfarben und Akkordschichtungen gehen auf diese Einflüsse zurück. Jussow führte in das Werk ein und wies darauf hin, dass das Malion Quartett viele „Tristanakkorde“ aus Wagners gleichnamiger Oper in Debussys Werk gefunden hätte und das, obwohl sich Debussy zu der Zeit angeblich von der Überfigur Wagner befreit hätte. Außerdem verband Debussy in seinem Werk neben Wagner und der javanesischen Gamelanmusik auch geschickt weitere unterschiedliche Elemente, wie etwa gregorianische Kirchentöne, Zigeunermusik und Einflüsse der russischen Schule.
Mit bizarren, schroffen Forte-Motiven begann der erste Satz, bevor sich die Musik in filigrane schimmernde Pianissimo-Sechzehntel verlor. Das Malion Quartett verstand es, ein facettenreiches Spektrum an Klangfarben zu entfalten. Das Zusammenspiel der Musiker war vorzüglich und ungemein ausgewogen. Das Publikum durfte sich über Kammermusik vom Feinsten freuen. Sprühende Musizierfreude, mitreißender Enthusiasmus und gemeinsames Atmen und Fühlen zeichnete ihr Spiel aus.
Heiter floss der zweite Satz mit seinen flirrenden Motiven zu Pizzicato-Begleitung heiter dahin. Den dritten, langsamen Satz, der auch als zweite Nationalhymne Frankreichs bezeichnet wird, eröffnete die zweite Geige mit wunderschönen warmen Klängen. Alle anderen Instrumente stimmten ebenso klangschön in die Fuge mit ein. Wunderbar kantabel ließ Kessler ihr Cello singen. Zu Herzen ging das Duett der beiden Violinen.
Der letzte Satz, ein fulminanter Rausschmeißer und zugleich abschließende Synthese des Werkes, riss das Publikum mit. Große Virtuosität zeichnete dieses furiose Finale aus.

Mit viel Applaus bedankte sich das Publikum für dieses außergewöhnliche Konzerterlebnis. Skoryks schöne „Melodie“ gab es noch einmal als Zugabe mit auf den Nachhauseweg.

 

 

Text und Foto: Carmen Diemer-Stachel

Veröffentlicht am 18. Mai 2022, 12:00
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