„Auch diese Stunde, bald schon Erinnerung“

Gerhild Michel (Lyrik) und Dorothea von Albrecht (Violoncello) in der Laurentiuskapelle

Dichtung und Musik begegneten sich auf eindrückliche Weise beim “Konzert der Stadt” am 22. Januar in der Laurentiuskapelle. Ein anregender und lebendiger Dialog zwischen Wort und Musik entspann sich zwischen den beiden Heidelberger Künstlerinnen Gerhild Michel (Lyrik) und Dorothea von Albrecht (Violoncello). Die beiden verbindet offensichtlich eine Art Seelenverwandtschaft. An Stimmungen, Bilder und Gefühle, die von Michels Gedichten hervorgerufen wurden, knüpfte von Albrecht mit ihrer Auswahl und Interpretation der Werke für Violoncello-Solo von Johann Sebastian Bach und dem zeitgenössischen italienischen Komponisten Luca Tessadrelli einfühlsam an. Die einzelnen Sätze von Bachs Suite G-Dur BWV 1007 für Violoncello solo und die Werke Dialogho I-IV von Tessadrelli umrahmten die stimmungsvollen Gedichte Michels. Mit den herrlichen Klängen des Prélude aus Bachs G-Dur Suite eröffnete von Albrecht den Abend. Sie gehört zweifellos zu den Meisterwerken der klassischen Musik und treibt jeden Cellisten an die Grenzen seines Könnens. Scheinbar mühelos meisterte die Cellistin alle technischen Schwierigkeiten und entlockte ihrem Instrument wunderbar weiche, intensive Töne von einem ganz besonderen Klangzauber. Ausdrucksstark und kraftvoll, mit großer künstlerischer Präsenz, ließ sie Bachs Musik mit ihren zahlreichen Doppelgriffen lebendig werden. Das Publikum wurde sogleich in den Bann dieser Musik gezogen. Die erzeugte seelische Stimmung passte wunderbar zum folgenden Gedicht „Ein Winterabend“. Ruhig und eindringlich zugleich trug Michel ihre Lyrik vor. „Abend ist´s geworden. Jetzt muss man noch genauer hinschauen, noch genauer hinhören.“ Ganz Ohr waren die Zuhörer und ließen sich in eine winterliche Natur- sowie Seelenlandschaft mitnehmen. „Auch diese Stunde, bald schon Erinnerung“. Worte und Klänge berührten das Publikum. An die Gedichte „Überwintern“ und „Raureif“ knüpfte nahtlos die “Allemande” aus Bachs Suite an.

Von Albrecht ließ ihr Cello geradezu singen. Tiefe, erdige und weiche Töne entlockte sie ihrem Instrument mit viel Gefühl und großer Konzentration. Wunderbare Klangfarben entstanden bei Bachs Musik mit ihrer feinen Mehrstimmigkeit. Nicht nur Lyrik und Musik standen miteinander im Dialog. Auch innerhalb Bachs Komposition kann man eine Dialogsituation erkennen Es scheint, als würde sich das Cello mit sich selbst unterhalten.

Hohe und tiefe Passagen stehen im stetigen Wechsel. Bei den Werken von Luca Tessadrelli, die bezeichnenderweise den Titel „Dialogho“ tragen, ist dies ebenfalls zu beobachten. Fast drei Jahrhunderte trennen die Werke der beiden Komponisten, ihre Tonsprache ist eine völlig andere und doch verbindet sie diese Dialog-Konzeption. Nach dem Gedichtzyklus einer Trennung „Ich stürzte mit dem Traum“ brachen die atonalen Klänge von „Dialogho I“ dramatisch herein. Aufgeregtes Wüten auf den tiefen Saiten, dann leiser wie eine Art Echo im Pizzicato, verfremdete blecherne Klänge – das Cello klang zeitweise wie ein Percussionsinstrument –, moderne Spieltechniken, wie das Spielen auf dem Steg (sul ponticello), Flageolett-Töne, große Glissandi, Schnalzen oder „Heulen“ der Saite und allerhand mehr gab es zu hören. Die Wehmut und stille Trauer über den Verlust in Michels Gedichten bekam hier eine Portion Wut und Aufbegehren zur Seite gestellt. In dem Gedicht „Fluchtversuche“ blickt das lyrische Ich zurück auf eine beendete Beziehung. „… Mit Dir wollte ich ans Ende der Welt gehen, mit Dir wollte ich die Sterne vom Himmel holen … ” Das Cello antwortete mit einer betörend schönen und wehmütigen Melodie. In eine ganz andere Klangwelt, als in den ersten beiden Teilen vorgestellt, entführte der „Dialogho III“.

Weitgehend tonal mit herrlichen Klangfarben, wie Bachs Musik oft mehrstimmig und im Gespräch mit sich selbst zwischen hohen und tiefen Passagen, bezauberte Tessadrellis Musik. Mit viel Gefühl und Hingabe ließ von Albrecht ihr Cello singen. Stets spielte sie rein und intonationssicher ohne das geringste Vibrato. Die schlichte Melodie erforderte dennoch großes technisches Können. Verblüffend, wie die Cellistin die Saiten ihres Instrument gleichzeitig mit dem Bogen strich und mit dem Zeigefinger zupfte. Ein Gang durch die Jahreszeiten mit Gedichten von Michel folgte. Tänzerisch und heiter nahm das Cello mit der Courante aus der G-Dur Suite von Bach die Frühlingsstimmung auf. Vom Frühling ging es direkt zum Herbst. Ein leiser Windhauch streicht durch die kleinen gelben Birkenblätter. „Sie schütteln sich, fangen an zu tanzen.“ In der folgenden schnellen Gigue – eigentlich der Schlusssatz der Suite – tanzten statt Blättern die Achteltriolen. Die Autorin erläuterte, dass ihren Gedichten oft Naturbeobachtungen zugrunde liegen.

Für sie sei die Natur eine wunderbare Projektionsfläche für Gefühle. Mit Hilfe der Natur sei es möglich, das Innerste zu erleben und in Bildern wiederzugeben. Passend zum Zitronenfalter, der über die Dächer der Altstadt „schaukelt“ und von Blüte zu Blüte fliegt, erklangen fein getupft das Menuett I und II. Die Stimmung bei der Ankunft in der fremden und lauten Stadt in dem Gedicht „Bei Regen kam ich an“ spiegelte sich perfekt im „Dialogho IV“ wider. Das letzte Gedicht „Vielleicht das Glück“ widmete Michel Dorothea von Albrecht. Mit der Sarabande aus der G-Dur Suite endete dieser wunderschöne Winterabend mit Lyrik und Musik. Das Publikum spendete reichlich Beifall und durfte sich über das Gedicht „Möwenflug“ als Zugabe freuen, zu dem die Cellistin improvisierte und ihrem Instrument Klänge entlockte, die an Möwenschreie erinnerten. Text: Carmen Diemer-Stachel

(zg. Stadt Walldorf) WA_Lyrik_und_Musik_05

Zwei verwandte Seelen – die Lyrikerin Gerhild Michel und die Cellistin Dorothea von Albrecht – führten ihren besonderen Dialog in der Laurentiuskapelle

(Foto: Pfeifer)

Veröffentlicht am 1. Februar 2015, 14:00
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